Pra­xis für sys­te­mi­sche Einzel‑, Paar- und Familientherapie

Die zwei Wöl­fe (Geschich­te der Nava­jo-India­ner)
Ein Groß­va­ter saß mit sei­nem Enkel am Fluss und sag­te zu ihm: Manch­mal habe ich das Gefühl, dass in mir ein Kampf tobt – ein Kampf zwi­schen 2 Wöl­fen. Der eine Wolf ist böse. Er ist der Wolf des Zorns und des Neids und der Sor­ge.
Der ande­re Wolf ist gut. Er ist der Wolf der Freund­lich­keit, Gelas­sen­heit und des Ver­trau­ens. Nach­dem der Enkel eine Wei­le über die Wor­te sei­nes Groß­va­ters nach­ge­dacht hat­te, frag­te er: Sag mir, wel­cher der bei­den Wöl­fe wird nun gewin­nen? Der alte Mann ant­wor­te­te: Der, den ich füttere.

Seli­na, Pum­per­ni­ckel und die Kat­ze  — Vom Mut zur Angst (Susi Bodahl)
Hoch über den Dächern einer gro­ßen Stadt leb­te Seli­na in ihrem klei­nen Zim­mer. Jeden Nach­mit­tag mach­te sie es sich auf ihrem Bett gemüt­lich und träum­te vom fer­nen Meer, von dunk­len Wäl­dern und wil­den Tieren.

Eines Nach­mit­tags, mit­ten in ihrer Traum­stun­de, ent­deck­te sie ein klei­nes Mau­se­loch dicht am Boden! Am Tag zuvor war es noch nicht da gewe­sen. Seli­na wur­de neu­gie­rig. Sie blieb ganz ruhig lie­gen und war­te­te gespannt, was nun gesche­hen wür­de.
Und es dau­er­te gar nicht lan­ge, da trip­pel­te ein klei­ner Mäu­se­rich her­aus, setz­te sich keck mit­ten ins Zim­mer und begann, emsig sein Schnurr­bärt­chen zu put­zen. Er war damit so beschäf­tigt, dass er Seli­na nicht bemerk­te. Sie woll­te aber bemerkt wer­den und rief ganz lei­se: „Hal­lo.“ Erschro­cken hob der Mäu­se­rich sein Köpf­chen – doch als er sah, dass Seli­na ihm freund­lich zulä­chel­te, kam er ganz nahe an sie her­an. Seli­na moch­te Mäu­se ger­ne, das spür­te er sogleich.
„Ich möch­te dich Pum­per­ni­ckel nen­nen“, sag­te sie, „wie gefällt dir die­ser Name?“
„Oh, ganz aus­ge­zeich­net“, ant­wor­te­te er und mach­te drei hohe Sprün­ge mit­ten ins Zim­mer. „Pum­per­ni­ckel! Das passt gut zu mir!“ Ver­gnügt rieb er sich sei­ne Spitz­na­se und ver­schwand in sei­nem Mauseloch.

Am nächs­ten Abend sti­bitz­te Seli­na heim­lich aus der Küche ein gro­ßes Stück Käse und leg­te es vor das Mau­se­loch. Im Nu war Pum­per­ni­ckel da und schnup­per­te dar­an. „Emmen­ta­ler! Das ist ja mein Lieb­lings­kä­se!“ freu­te er sich und knab­ber­te ein gro­ßes Stück davon ab, dann noch ein Stück und noch ein Stück, bis nichts mehr übrig war. Dafür erzähl­te er Seli­na eine klei­ne Geschich­te. Eine Geschich­te von einem Mäu­se­fest, auf dem eine klei­ne Mäu­se­da­me ganz herr­lich tanz­te. „Sie tanz­te und tanz­te“, schwärm­te Pum­per­ni­ckel, „bis sie tan­zend davon schweb­te und erst am nächs­ten Mor­gen wie­der­kam.“
Seli­na war von die­ser Geschich­te begeis­tert, und Pum­per­ni­ckel muss­te sie an die­sem Abend noch drei­mal hin­ter­ein­an­der erzäh­len.
Von nun an tausch­ten sie immer neue Geschich­ten gegen immer neue Emmen­ta­lerkä­se­stück­chen, und sie hat­ten es schön zusammen.

Eines Abends aber wun­der­te sich Seli­na sehr, weil Pum­per­ni­ckel nicht kam. Sie muss­te mehr­mals nach ihm rufen, bis er end­lich zag­haft aus sei­nem Mau­se­loch lug­te. Er sah ganz ver­schreckt drein.
„Was ist los mit dir?“ frag­te Seli­na besorgt. Pum­per­ni­ckel deu­te­te mit sei­nem Pföt­chen zum Fens­ter hin und pieps­te auf­ge­regt: „Siehst du die gro­ße, unheim­li­che Kat­ze nicht? Sie war heu­te schon ein­mal da! “ Tat­säch­lich saß da eine gro­ße Kat­ze am Fens­ter und schiel­te mit gro­ßem Appe­tit zu Pum­per­ni­ckel.
Es war Flo­ra, die bes­te Mäu­se­fän­ge­rin der Stadt. Schnell lief Seli­na zum Fens­ter und ver­jag­te sie. „Und dass du mir ja nicht wie­der­kommst!“ rief sie ihr auf­ge­regt nach. Doch Flo­ra kam wie­der, gleich am nächs­ten Tag.
Laut­los sprang Flo­ra zum Fens­ter her­ein und nahm Pum­per­ni­ckel blitz­schnell gefan­gen. So sehr er sich auch wehr­te, es gelang ihm nicht, sich zu befrei­en. Da kam ihm in letz­ter Sekun­de Seli­na zur Hil­fe. Sie sprang auf Flo­ra zu und rief: „Siehst du die dicke Tau­be dort auf dem Dach?“ Flo­ra hör­te „Tau­be“, wand­te sich um und ließ dabei Pum­per­ni­ckel los.
In die­sem Augen­blick griff Seli­na nach Pum­per­ni­ckel und ver­steck­te ihn in ihrer Schür­zen­ta­sche. Das hat­te Flo­ra noch nie erlebt, dass man ihr die Beu­te vor der Nase weg­schnapp­te, ihr, der bes­ten Mäu­se­fän­ge­rin der Stadt! Sie war wütend wie noch nie. „Gib mir sofort den Mäu­se­rich zurück!“ fauch­te sie.
„Ich den­ke nicht dar­an, dir mei­nen Freund aus­zu­lie­fern!“ ant­wor­te­te Seli­na und ver­such­te, Flo­ra zu ver­scheu­chen. Aber Flo­ra ließ sich nicht ver­trei­ben, im Gegen­teil. Mit gefletsch­ten Zäh­nen sprang sie auf Seli­na zu und stell­te sich dro­hend vor sie hin. Ihre Augen fun­kel­ten vor Zorn.
Noch nie hat­te Seli­na eine solch wil­de Kat­ze gese­hen. Sie bekam Angst, so gro­ße Angst, dass sie schnell aus dem Zim­mer rann­te, die Trep­pe hin­un­ter auf die Stra­ße. Flo­ra aber folg­te ihr dicht auf den Fer­sen. Da fürch­te­te sich Seli­na noch mehr. Und je grö­ßer ihre Angst wur­de, des­to grö­ßer wur­de auch die Kat­ze hin­ter ihr.
Seli­na hör­te das Tap­pen der Kat­zen­pfo­ten hin­ter sich immer lau­ter wer­den. Als sie sich umschau­te, sah sie, dass Flo­ra gewach­sen war. Sie war nun schon so groß wie ein Bern­har­di­ner. Da wur­de Seli­nas Angst noch grö­ßer, und sie lief immer schnel­ler. Nach ein paar Schrit­ten wand­te sie sich wie­der um. Flo­ra war schon so groß wie ein Pferd! Nun rann­te Seli­na, was sie konn­te; da wur­de Flo­ra so groß, dass ihre Bart­spit­zen den Staub aus den Dach­rin­nen feg­ten und ihr Schwanz den Rauch der Schorn­stei­ne aufwirbelte.

Seli­na wag­te nun nicht mehr, sich umzu­dre­hen. Sie lief nur noch und lief die Stra­ße hin­un­ter, bis sie nicht mehr wei­ter­konn­te. Sie muss­te ste­hen blei­ben, um Luft zu holen.
Hin­ter ihr war es plötz­lich still. Auch Flo­ra war ste­hen geblie­ben. „Gib mir den Mäu­se­rich zurück!“ hör­te sie Flo­ra fau­chen, und der hei­ße Atem der Rie­sen­kat­ze zer­zaus­te ihr Haar. Zögernd wand­te sie sich um. Zwei gro­ße, feu­ri­ge Augen starr­ten sie an.
Seli­na war wie gelähmt. „Was soll ich tun?“ flüs­ter­te sie ver­zwei­felt und hielt ihre Hän­de schüt­zend über ihre Schür­zen­ta­sche. Da spür­te sie, wie sich etwas dar­in reg­te, und sie hör­te Pum­per­ni­ckel piep­sen: „Du musst Flo­ra wie­der klein machen!“
„Wie denn?“ rief Seli­na ver­zwei­felt. „Ich habe doch sol­che Angst!“
„Eben, du denkst immer nur an dei­ne Angst“, pieps­te Pum­per­ni­ckel nase­weis, „und rennst davon. Nur dei­ne gro­ße Angst macht Flo­ra so groß! Du musst gegen sie lau­fen und ihr fest in die Augen sehen!“ „Das schaf­fe ich nie“, stam­mel­te Seli­na, „dazu fehlt mir der Mut.“
„Ach was! Mut hast du. Du musst es nur tun!“ pieps­te Pum­per­ni­ckel und ver­schwand augen­blick­lich in der Schür­zen­ta­sche, denn Flo­ra fauch­te jetzt ganz laut: „Gib mir end­lich den Mäu­se­rich!“
Seli­na zit­ter­te, aber sie wuss­te, dass sie sofort etwas tun muss­te. Sie hielt den Atem an und mach­te einen Schritt auf die Rie­sen­kat­ze zu. Dabei sah sie ihr fest in die Augen. Damit hat­te Flo­ra nicht gerech­net. über­rascht wich sie zurück.
„Siehst du, es wirkt!“ tri­um­phier­te Pum­per­ni­ckel in der Schür­zen­ta­sche. „Geh nur wei­ter, immer wei­ter!“
Da mach­te Seli­na noch einen Schritt und dann noch einen Schritt auf Flo­ra zu, den Blick unver­wandt auf die gro­ßen Kat­zen­au­gen gerich­tet. Und Flo­ra wich aber­mals zurück. Mit jedem Schritt wur­de Seli­na immer muti­ger, und je mehr ihr Mut wuchs, umso klei­ner wur­de Flo­ra.
All­mäh­lich begann Seli­na zu lau­fen. Ver­wirrt tapp­te Flo­ra rück­wärts. Ihre Bart­spit­zen reich­ten nur noch bis zu den Dächern auf bei­den Sei­ten der Straße.

Ich habe Mut, dach­te Seli­na bei sich und beschleu­nig­te ihre Schrit­te noch mehr. Immer klei­ner wur­de die Kat­ze und bald streif­te ihr Schnurr­bart nicht ein­mal mehr die Fens­ter im ers­ten Stock der Häu­ser.
Obwohl Seli­na nun schon ein gro­ßes Stück gelau­fen war, war sie nicht müde. Im Gegen­teil. Ohne Unter­lass rann­te sie auf Flo­ra zu und sah ihr unver­wandt in die Augen. Manch­mal blin­zel­te auch Pum­per­ni­ckel über den Rand der Schür­zen­ta­sche. Er woll­te es kei­nes­wegs ver­säu­men zu sehen, wie sich Flo­ra immer mehr zurück­zog und dabei immer klei­ner wur­de.
Bald war sie nur noch so groß wie ein Pferd, dann bloß noch so groß wie ein Bern­har­di­ner. Schließ­lich fehl­ten nur noch ein paar Schrit­te, und Flo­ra war so groß wie jede gewöhn­li­che Kat­ze.
Da blieb Seli­na ste­hen. Auch Flo­ra mach­te Halt. Unsi­cher blick­te sie zu Seli­na auf. Sie fauch­te nicht mehr. Eine Wei­le war es ganz still um sie her­um, denn sie wuss­ten nicht, was sie sagen soll­ten. Seli­na fass­te sich als ers­te. „Nun mach, dass du fort­kommst“, sag­te sie bestimmt, „und lass künf­tig mei­nen Pum­per­ni­ckel in Ruhe!“

Flo­ra schüt­tel­te ihr Fell zurecht, putz­te die Schnauz­haa­re mit der Pfo­te und troll­te sich erho­be­nen Schwan­zes davon. End­lich, dach­te Seli­na und sah ihr erleich­tert nach. Nun, da die Gefahr vor­über und die Angst bewäl­tigt war, konn­te sie sich aus­ru­hen. Sie setz­te sich am Stra­ßen­rand nie­der. Pum­per­ni­ckel sprang aus der Schür­zen­ta­sche und dreh­te sich vor Freu­de ein paar Mal im Krei­se. Dank Seli­na war er ja am Leben und nicht in Flo­ras Kat­zen­bauch! Über­mü­tig tanz­te er um Seli­na her­um und voll­führ­te die köst­lichs­ten Sprün­ge. Seli­na schau­te ihm glück­lich zu. Nach einer Wei­le hob sie Pum­per­ni­ckel auf, steck­te ihn in ihre Schür­zen­ta­sche und mach­te sich gemäch­lich auf den Hein­weg.
Es war schon spät gewor­den. Nur noch weni­ge Lich­ter brann­ten in den Fens­tern, der Rauch qualm­te müde aus den Schorn­stei­nen, und die Nacht lag fried­lich über den Dächern.
Oben in Seli­nas Zim­mer gab es für Pum­per­ni­ckel Emmen­ta­lerkä­se, für Seli­na aber kei­ne Geschich­te. Dafür waren bei­de viel zu müde. Pum­per­ni­ckel schlüpf­te bald in sein Mau­se­loch, und Seli­na kuschel­te sich in ihr Bett.

Drau­ßen auf irgend­ei­nem Dach saß Flo­ra an einem Schorn­stein und leck­te sich die Pfo­ten. Sie war nach­denk­lich gestimmt. Schließ­lich war es das ers­te Mal gewe­sen, dass sie einem Mäu­se­rich ver­geb­lich nach­jag­te. Pum­per­ni­ckel war aber auch der ein­zi­ge in der Stadt, der so sehr beschützt wur­de! Und Flo­ra beschloss, ihn von nun an für immer in Ruhe zu las­sen.
So begann für Seli­na und Pum­per­ni­ckel die schöns­te Zeit.

Die Geschich­te vom Bäum­chen (Agnes Rek­kas-Kai­ser)
Es war ein­mal ein Bäum­chen, das irgend­wann erst ein­mal ein Same war, der auf die Erde fiel, Wur­zeln schlug, nach eini­ger Zeit einen Keim­ling trieb, das ers­te Blätt­chen aus­streck­te und dann zu einem rich­ti­gen klei­nen Baum her­an­wuchs; die Äste wild durch­ein­an­der und in alle Him­mels­rich­tun­gen. Das war die Zeit, in der es den Wind genoss, auch die Son­ne, und sich das Leben ein­fach so nahm und sich kei­ne Gedan­ken dar­über mach­te, wes­halb das alles so ist und wie es sich abspielt und war­um es so und nicht anders ist.

Als das Bäum­chen ein biss­chen grö­ßer wur­de, bemerk­te es, dass es in einem Park auf­wuchs, der nach ganz bestimm­ten Regeln geord­net und gepflegt wur­de, und wo es nicht ein­fach so drauf­los wach­sen konn­te, son­dern wo es lebens­not­wen­dig war, sich in bestimm­te For­men und Figu­ren ein­zu­fü­gen. Und dass es nicht ein­fach erlaubt war, dass die Vögel in ihm Nes­ter bau­en konn­ten oder dass es im Herbst die bun­ten Dra­chen der Kin­der mit sei­nen Ästen ein­fing, und dass die Kin­der dann unter Lachen hin­auf­klet­ter­ten, um auf einem star­ken Ast zu schau­keln. Oder dass man sich beson­ders in die Rich­tung, wo die Son­ne am wärms­ten und schöns­ten und woh­ligs­ten schien, aus­brei­ten konn­te, son­dern, dass man für die Belan­ge von ande­ren gefäl­lig zu sein hat­te.
Die aber hat­ten ganz ande­re Wert­maß­stä­be, die den Bedürf­nis­sen des klei­nen Baums wenig ent­spra­chen. Und so rück­ten eines Tages dann die Gärt­ner des Parks an. Und sie woll­ten eigent­lich nichts Böses tun, son­dern erle­dig­ten nur ihre Auf­ga­be, die sie gelernt hat­ten und die für sie ganz selbst­ver­ständ­lich war. So wur­de das Bäum­chen ver­mes­sen und für zu wild befun­den, und sie lehr­ten das Bäum­chen die Rich­tung, in die es zu wach­sen hat­te.
Dafür beschnit­ten sie die Äste, so dass es eine “ansehn­li­che” Form bekam, und sorg­ten dafür, dass das Bäum­chen genau in das Bild pass­te. So tat es der künst­li­chen Anord­nung des Parks kei­nen Abbruch und folg­te einer bestimm­ten Ästhe­tik, die es gar nicht ver­stand. Aber not­ge­drun­gen und spä­ter sogar selbst­ver­ständ­lich mach­te es mit und ver­renk­te sich manierlich.

Erst ein­mal waren die­se neu­en Ein­gür­tun­gen, Fixie­run­gen und Beschnei­dun­gen natür­lich unan­ge­nehm und das Bäum­chen ver­such­te, sich zu weh­ren, aber das war aus­sichts­los…
Es wein­te manch har­zi­ge Trä­ne im Stil­len, bevor es sich füg­te.
Und so wur­de es grö­ßer und grö­ßer und wuchs und wuchs und wur­de ein schö­ner gro­ßer Baum, aber immer geprägt von den Ansich­ten und Wün­schen ande­rer, und immer, wenn die Jah­res­zeit kam, die Bäu­me her­zu­rich­ten, zu pfle­gen – wie man sag­te – und zu beschnei­den, dann krieg­te der Baum wie­der sei­ne rich­ti­ge Fasson.

Eines Tages aber geschah etwas Ver­wun­der­li­ches: die Herr­schaf­ten des Parks ver­lie­ßen die Anla­ge, zogen aus, räum­ten das Feld und troll­ten sich und damit auch die läs­ti­gen Gärt­ner, und der Park war sich selbst überlassen.

Das Unkraut schoss ganz unver­schämt, die Hecken schlu­gen aus, die Skulp­tu­ren klei­de­ten sich kess mit Moos in fre­chem Grün, die Bäu­me balg­ten sich albern auf einer Wie­se, die war chao­tisch von Maul­wür­fen mit Hau­fen ver­ziert. Eine über­aus wil­de Gesell­schaft …. !
Nur unser Baum, der beson­ders schön und groß und präch­tig war und der auch auf sich ach­te­te, konn­te nicht so mit­tun, woll­te auch nicht, hat­te höhe­re Zie­le – und das war auch gut so.
Und es blieb eini­ge Zeit­lang gut so. So ent­wi­ckel­te er einen mäch­ti­gen Stamm, dicke, trag­fä­hi­ge Äste und erleb­te so eini­ge Som­mer und Win­ter, bis er irgend­wann ver­spür­te, dass er doch noch ande­re Regun­gen in sich hat­te, die er eigent­lich ger­ne moch­te, die von ganz frü­her …
Und da stell­te sich die gro­ße Fra­ge: Wie konn­te er die­se sei­ne Stär­ken wie­der nut­zen, die so lan­ge geschla­fen hat­ten, wie sie wie­der zum Leben erwe­cken? Und wo in der Grö­ße des Bau­mes waren sie gela­gert, in den Blät­tern, in den Ästen, im Stamm, in den Wur­zeln? Und wenn man an die vie­len Jah­res­rin­ge denkt, die der Baum inzwi­schen hat­te, waren sie wohl in einem der inne­ren gewe­sen.
Und der Baum mach­te nun fol­gen­des: In der Tie­fe der blau­schwar­zen Nacht – ganz unver­ständ­lich, wenn man das von außen betrach­te­te und nicht wuss­te, wor­um es ging – dreh­te er sei­ne Blät­ter um, so dass das Unte­re nach oben schau­te – und in die­se Blät­ter, die aus­sa­hen wie Hun­der­te von klei­nen Scha­len, ließ er all die­se ganz bit­te­ren Erfah­run­gen hin­ein­flie­ßen, all die Begren­zun­gen, die unge­mä­ßen Bin­dun­gen, die acht­lo­sen Wor­te der Gärt­ner, ihre vie­len unrecht­mä­ßi­gen Ein­mi­schun­gen in sein Leben, all die gewein­ten Trä­nen. All dies ließ der Baum in sei­ne Blät­ter hin­ein­flie­ßen, in die Blät­ter­scha­len – auch die Zwän­ge und die Fes­seln und all die dum­men Beschnei­dun­gen sei­ner Kraft und sei­ner Fähig­kei­ten und sei­nes ursprüng­li­chen Wachs­tums, sei­ne weh­mü­ti­gen Gefüh­le … all das ließ der Baum in sei­ne Blät­ter hin­ein­flie­ßen, eines Nachts … Und dann, was mach­te er dann?
Er fiel in einen tie­fen Schlaf und viel­leicht, ohne dass er es direkt bemerk­te, floss noch die­se oder jene Trä­ne aus ihm her­aus.
Die Nacht wur­de geheim­nis­voll und still, wäh­rend der Baum zur Ruhe ging.

Da pas­sier­te etwas Eigen­ar­ti­ges, ganz von allei­ne, ohne dass der Baum das mach­te, das mach­ten die Blät­ter. Sie wen­de­ten sich von allei­ne in einer laut­lo­sen Bewe­gung, in lang­sa­men, klei­nen lang­sa­men, ruck­ar­ti­gen Bewe­gun­gen …
Die Blät­ter dreh­ten sich wie­der in ihre natür­li­che Posi­ti­on und ent­leer­ten sich, so dass ganz auto­ma­tisch, von allei­ne der Inhalt her­aus floss.
Und dreh­ten sich und dreh­ten sich in der Dun­kel­heit der Nacht, und kei­ner merk­te es. Nur der Baum fühl­te ein leich­tes Wehen in sei­ner Kro­ne …, so als ob er tief atme­te, so als wenn er die Wur­zeln noch tie­fer in die Erde streck­te, um bes­ser Nah­rung tan­ken zu kön­nen.
Und es rutsch­te heraus.

Als lang­sam die Däm­me­rung kam und der Mor­gen grau­te, die ers­ten Son­nen­strah­len den Baum wie­der vor­fan­den, hat­te sich etwas getan: Der Baum wirk­te üppi­ger, der Stamm kräf­ti­ger, stär­ker, voluminöser.

Und der ers­te Vogel kam, ließ sich nie­der und träl­ler­te sein frü­hes Lied …
Er sangt dem Baum vom Leben – und der Baum verstand…

Fre­de­rik (Leo Lon­ni)
Rund um die Wie­se her­um, wo Kühe und Pfer­de gras­ten, stand eine alte Stein­mau­er. In die­ser Mau­er – nahe bei Scheu­er und Korn­spei­cher – wohn­te eine Fami­lie schwatz­haf­ter Feld­mäu­se. Aber die Bau­ern waren weg­ge­zo­gen, Scheu­er und Korn­spei­cher stan­den leer. Und weil es bald Win­ter wur­de, began­nen die klei­nen Feld­mäu­se Kör­ner, Nüs­se, Wei­zen und Stroh zu sam­meln. Alle Mäu­se arbei­te­ten Tag und Nacht. Alle – bis auf Frederick.

Fre­de­rick, war­um arbei­test du nicht?“, frag­ten sie. „Ich arbei­te doch“, sag­te Fre­de­rick, „ich samm­le Son­nen­strah­len für die kal­ten, dunk­len Win­ter­ta­ge.“
Und als sie Fre­de­rick so dasit­zen sahen, wie er auf die Wie­se starr­te, sag­ten sie: „Und nun, Fre­de­rick, was machst du jetzt?“ – „Ich samm­le Far­ben“, sag­te er nur, „denn der Win­ter ist grau“. Und ein­mal sah es so aus, als sei Fre­de­rick halb ein­ge­schla­fen. „Träumst du, Fre­de­rick?“ frag­ten sie vor­wurfs­voll. „Aber nein“, ich samm­le Wör­ter. Es gibt vie­le lan­ge Win­ter­ta­ge, und dann wis­sen wir nicht mehr, wor­über wir spre­chen sol­len.“
Als nun der Win­ter kam und der ers­te Schnee fiel, zogen sich die fünf klei­nen Feld­mäu­se in ihr Ver­steck zwi­schen den Stei­nen zurück. In der ers­ten Zeit gab es noch viel zu essen, und die Mäu­se erzähl­ten sich Geschich­ten über sin­gen­de Füch­se und tan­zen­de Kat­zen. Da war die Mäu­se­fa­mi­lie ganz glücklich!

Aber nach und nach waren fast alle Nüs­se und Bee­ren auf­ge­knab­bert, das Stroh war alle, und an Kör­ner konn­ten sie sich kaum noch erin­nern. Es war auf ein­mal sehr kalt zwi­schen den Stei­nen der alten Mau­er, und kei­ner woll­te mehr spre­chen. Da fiel ihnen plötz­lich ein, wie Fre­de­rick von Son­nen­strah­len, Far­ben und Wör­tern gespro­chen hat­te. „Fre­de­rick!“, rie­fen sie, „was machen dei­ne Vor­rä­te?“ – „Macht die Augen zu“, sag­te Fre­de­rick und klet­ter­te auf einen gro­ßen Stein. „Jetzt schi­cke ich euch die Son­nen­strah­len. Fühlt ihr schon, wie warm sie sind? Warm, schön und gol­den?“ Und wäh­rend Fre­de­rick so von der Son­ne erzähl­te, wur­de den vier klei­nen Mäu­sen schon viel wär­mer. Ob das Fre­de­ricks Stim­me gemacht hat­te? Oder war es ein Zau­ber?
„Und was ist mit den Far­ben, Fre­de­rick?“, frag­ten sie auf­ge­regt. „Macht wie­der eure Augen zu“, sag­te Fre­de­rick. Und als er von blau­en Korn­blu­men und roten Mohn­blu­men im gel­ben Korn­feld und von grü­nen Blät­tern am Bee­ren­busch erzähl­te, da sahen sie die Far­ben so klar und deut­lich vor sich, als wären sie auf­ge­malt in ihren klei­nen Mäu­se­kör­pern.
„Und die Wör­ter, Fre­de­rick?“ Fre­de­rick räus­per­te sich, war­te­te einen Augen­blick, und dann sprach er wie von einer Büh­ne herab:

Wer streut die Schnee­flo­cken? Wer schmilzt das Eis?
Wer macht lau­tes Wet­ter? Wer macht es leis?
Wer bringt den Glücks­klee im Juni her­an?
Wer ver­dun­kelt den Tag? Wer zün­det die Mor­gen­lam­pe an?
Vier klei­ne Feld­mäu­se wie du und ich
Woh­nen im Him­mel und den­ken an dich.
Die ers­te ist die Früh­lings­maus, die lässt den Regen lachen.
Als Maler hat die Som­mer­maus die Blu­men bunt zu machen.
Die Herbstmaus schickt mit Nuss und Wei­zen schö­ne Grü­ße.
Pan­tof­feln braucht die Win­ter­maus für ihre kal­ten Füße.
Früh­ling, Som­mer, Herbst und Win­ter sind vier Jah­res­zei­ten.
Kei­ne weni­ger und kei­ne mehr. Vier ver­schie­de­ne Fröhlichkeiten.“

Als Fre­de­rick auf­ge­hört hat­te, klatsch­ten alle und rie­fen: „Fre­de­rick, du bist ja ein Dich­ter!“ Fre­de­rick wur­de rot, ver­beug­te sich und sag­te beschei­den: „Ich weiß es – ihr lie­ben Mäusegesichter!“

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Ich ver­zich­te auf alle Weis­heit, die nicht wei­nen, auf alle Phi­lo­so­phie, die nicht lachen, auf alle Grö­ße, die sich nicht beu­gen kann – im Ange­sicht von Kindern.

Kha­lil Gibran

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